
„Ein gutes Essen ist Balsam für die Seele“ – so lautet ein altes Sprichwort. Im Alltag versuchen wir oft, einen Zusammenhang zwischen dem, was wir essen, herzustellen oder definieren uns über eine Ernährungsform. Aus psychologischer Perspektive sind also Ernährungsgewohnheiten besonders interessant, die den Konsum von bestimmten Lebensmitteln bejahen oder ablehnen. Denn einerseits scheint unsere Stimmung das Essverhalten zu steuern und andererseits scheinen gewisse Inhaltsstoffe von Lebensmitteln unsere Gefühlswelt zu beeinflussen. Das ist aus ernährungspsychologischer Sicht sehr relevant, denn nicht nur die Liebe geht durch den Magen.
Emotionale Esser neigen dazu, in emotional belastenden Situationen ohne Hunger überwiegend Lebensmittel zu essen, die eine hohe Schmackhaftigkeit aufweisen, um negative Gefühle zu bewältigen. Das sind meist Lebensmittel, die kurzkettige Kohlenhydrate enthalten und fettreich sind. In dieser Gefühlslage setzen sich viele Menschen kaum mit ihren Emotionen auseinander und können nur sehr schwer ihrem Hunger- und Sättigungsgefühl Aufmerksamkeit schenken. Emotional gesteuertes Essverhalten führt somit zu Übergewicht und anderen ernährungsbedingten Erkrankungen oder gar zu Essstörungen.
Warum wir essen
Wir Menschen sind auf die Zufuhr von Nahrung angewiesen, weil wir Energie und Nährstoffe brauchen, um unseren Körper am Laufen zu halten. Unser Körpergewicht wird also stets durch das Verhältnis von Energieaufnahme und Energieabgabe reguliert. Die Regulation der Energiehomöostase erfolgt über eine Modulation der Häufigkeit und/oder Größe beziehungsweise Menge von Mahlzeiten. Der Beginn und das Ende unserer Mahlzeiten werden durch periphere Signale bestimmt, wie zu Beispiel das Hormon Ghrelin, welches Signale an das Hungerzentrum im Gehirn, genauer: den Hypothalamus, sendet. Dort befindet sich also unsere „Steuerungszentrale“ für Hunger und Sättigung. Es ist hierbei wichtig zu verstehen, dass Hunger nicht allein dadurch entsteht, dass unser Magen leer ist, sondern auch externe Faktoren wie zum Beispiel bestimmte Gerüche können entsprechende Reize auslösen. Diese Signale resultieren zusammenfassend also aus der sensorischen Erfassung von Nahrung, aus der Anwesenheit von Nährstoffen und deren Abbauprodukten im Verdauungstrakt sowie aus der Verstoffwechselung resorbierter Nährstoffe. Die Übermittlung der Signale ans Gehirn erfolgt über afferente Nerven und über das Blut. Braucht der Körper Nahrung, so zeigt er uns dies durch ein Hungergefühl an. Haben wir genug gegessen, setzt das Sättigungsgefühl ein. Relativ simpel erklärt, sind dies die physiologischen Abläufe, aber gerade die psychologische Bedeutung des Essens geht weit über die reine Zufuhr von Nährstoffen hinaus.
Psychologische Einflussfaktoren
Wirklicher Hunger ist heutzutage eher selten, oft verführen uns diverse Gefühlszustände wie Freude, Genuss, Langeweile oder Stress. Das heißt, wir sind zwar körperlich nicht hungrig, aber unser Kopf verlangt nach Essen. Beim emotionalen Hunger wird also das natürliche Wechselspiel von hungrig und satt außer Kraft gesetzt und das Essen übernimmt eine eher psychologische Funktion entgegen unserem ernährungsphysiologischen Wissen. In einer Studie von Westenhöfer und Pudel wurden Personen befragt, worauf sie bei der Ernährung bzw. beim Essen besonderen Wert legen. Während die ersten Fragen auf ernährungsphysiologisches Wissen abzielten, belegten die Antworten auf die Fragen nach der Auswahl von Lebensmitteln, dass psychologische Faktoren wie zum Beispiel Freude und Genuss klar dominierten.
Interessanterweise dissoziieren also viele Personen Ernährung und Essen. Auch wenn viele Menschen eigentlich wissen, was ernährungsphysiologisch sinnvoll wäre, wird beim Essen das betreffende Wissen ausgeblendet und es dominiert das generelle Prinzip der als Verhaltenssteuerung definierten Genussmaximierung. Professor Dr. Volker Pudel hat dieses Verhaltensmuster treffend auf den Punkt gebracht: „Im Überfluss des Schlaraffenlandes essen die meisten Menschen somit anders, als sie sich ernähren sollten.
“ Neben den positiven Emotionen wie Freude und Genuss spielen aber auch diverse Quellen für das Stresserleben eine entscheidende Rolle bei der Wahl unserer Lebensmittel. Ein beträchtlicher Teil der Menschen benutzt dabei das Essverhalten, um mit den alltäglichen Anforderungen des Lebens fertig zu werden und die dabei entstehenden negativen Emotionen zu dämpfen. Betroffene beschreiben dabei ihr Essverhalten und die damit verbundene Wirkung beispielsweise wie folgt: „Whenever I am passionate – say I am angry or really sad, I eat ice cream. I’ll sit there and just eat […] and then I start to calm down almost instantly.“
Das Konzept des emotionalen Essverhaltens bei negativen Emotionen hat einen seiner Ursprünge in der psychosomatischen Theorie, deren Hauptannahme darin besteht, dass mehr gegessen wird, um emotionale Belastungen zu reduzieren. Aus psychoanalytischer Sicht wird angenommen, dass eine mögliche Ursache für das emotionale Essverhalten eine mangelnde Fähigkeit sein könnte, die internen Zustände, die mit Emotionen einhergehen, von den Empfindungen zu unterscheiden, die beim Hunger entstehen. Diese Annahme deckt sich auch mit einer neueren Studie der University of Michigan. Die Forscher begleiteten 207 Kinder aus einkommensschwachen Familien und zeichneten Stressbelastungen sowie ihr Essverhalten auf. In der Studie fanden die Forscher heraus, dass mit steigender Stressbelastung Essen ohne Hunger und emotionales Überessen zunimmt. Kinder, die unter mehr Stress litten, aßen auch mehr, ohne Hunger zu haben, wenn sie starke Gefühle hatten. Emotionen und Essverhalten sind also scheinbar wechselseitig miteinander verknüpft. So können Emotionen unser Essverhalten fördern oder reduzieren und das Essverhalten wiederum kann die Emotionen auslösen oder dämpfen.
Belohnungseffekte durch Essen
Ersichtlicher wird die oben genannte Wechselwirkung von Ernährung und Emotionen bei Genussmitteln, zum Beispiel Schokolade oder Koffein. Wie bereits erwähnt, ist Essen also mehr als eine bloße Kalorienaufnahme, es ist auch gekoppelt mit sozialen Funktionen und macht viele Menschen einfach glücklich, denn Essen setzt unser inneres Belohnungssystem in Gang und kann Glücksgefühle auslösen. Forscher des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung haben genau diesen Effekt in einer Studie untersucht und dabei festgestellt, dass unser Gehirn bereits die ersten Dopamin-Moleküle ausschüttet, sobald die Teilnehmer einen Milchshake im Mund schmeckten.
Die zweite erfolgte, wenn der Milchshake den Magen erreichte. Dopamin ist ein Neurotransmitter, welcher im Gehirn der Kommunikation der Nervenzellen untereinander dient. Darüber hinaus können durch Dopamin positive Gefühlserlebnisse vermitteln werden, weswegen es auch allgemein als Glückshormon gilt. Dass die Dopamin-Ausschüttung eng mit dem subjektiven Verlangen zusammenhängt, konnten die Wissenschaftler ebenfalls aufzeigen: Bei Teilnehmern, die ein besonders starkes Verlangen nach dem süßen Getränk hatten, wurde mehr Dopamin freigesetzt, wenn das Getränk im Mund war. Unklar bleibt jedoch, ob bestimmte Nahrungsmittel an sich „abhängig“ nach mehr machen oder ob eher unsere Präferenzen und kindlichen Ernährungsprägungen eine entscheidende Rolle spielen.
Lösungsstrategien
Auch wenn unser Essverhalten von psychologischen Einflussfaktoren wie „wanting“ und „liking“ bestimmt sind, gibt es verschiedene Lösungsansätze und Strategien, um emotionales Essen in den Griff zu bekommen. Zunächst einmal gilt, dass kurzfristiges emotionales Essen in der Regel unbedenklich ist. Erst, wenn es zur Gewohnheit wird, kann es zu einem Problem führen und zum Beispiel Übergewicht begünstigen. Wichtig ist es, zu verstehen, dass Essen bei Stress oder anderen negativen Stimmungen nicht die wirklichen Probleme löst, sondern diese nur verdrängt. Sein Essverhalten zu ändern, ist also kein Muss, das es jetzt sofort zu erledigen gilt, sondern vielmehr ein stetiger Prozess, der Zeit braucht.
Quelle: shape UP
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