
Schlank und stark zu sein, reizt viele Männer. Kraftsport und angepasste Ernährung führen auf den Weg dorthin. Wer sich dabei extrem überfordert, dem Ganzen illegal nachhilft und sich vielleicht auch sozial zurückzieht, hat möglicherweise ein Problem namens „Muskelsucht“.
Alternative Bezeichnungen für das krankhafte Verhalten sind Muskeldysmorphie, Biggerexie und Adoniskomplex. Letzteres ist eine Wortschöpfung, die in den 1990er-Jahren durch Arbeiten des US-amerikanischen Psychiaters und Harvard-Professors Harrison G. Pope bekannt wurde. Und warum ist der Adoniskomplex gerade im Gespräch? Nun, in der schlagzeilenarmen Fitnesswelt sind Anomalien natürlich ein dankbares Thema – den Schuh müssen auch wir uns anziehen. Zu besonderer Aktualität gelangte das Ganze durch den medial vielfach verbreiteten Bericht „Männer und die Muskelsucht“.
Pubertäre Ursprünge
Muskelsucht betrifft in erster Linie junge Männer. Muskelsüchtige Frauen gibt es auch, aber sie bilden eine nicht näher zu beziffernde Minderheit. Die Tendenz zu dieser Störung wird oft schon in der Pubertät gelegt. So finden sich unter den Betroffenen zum Beispiel Männer, die im Kindes- und Jugendalter adipös waren oder gehänselt wurden. Im Rahmen der sogenannten POPS-Studie (Potsdamer Prävention von Essstörungen) wurden Jugendliche zwischen zehn und 13 Jahren unter anderem zu Gewicht und Muskeln befragt. Knapp 70 Prozent der männlichen Befragten berichteten, unzufrieden damit zu sein. Der Ausbruch eines gestörten Verhaltens erfolgt allerdings häufig erst zwischen dem 17. und 24. Lebensjahr.
Kein Stückchen selbstsicher
Was zeichnet Muskelsucht aus? Dass sie gar nicht so leicht zu erkennen ist, wäre eine Antwort. Nicht alle, die ihren Körper mit Ehrgeiz formen sind diesem Krankheitstyp zuzuordnen. Männer, die sich im Fitnessstudio selbstbewusst vor den Spiegel stellen oder abfotografieren, gehören eher nicht zu den Betroffenen. Muskelsüchtige scheuen Selfies und wenn sie sich selbst betrachten, ist ihr Blick eher skeptisch. Zudem gilt, dass nicht jeder zwangsläufig muskelsüchtig ist, der …
- … soziale, berufliche oder freizeitliche Aktivitäten aus dem nicht kontrollierbaren Bedürfnis heraus aufgibt, Trainings- und/oder Diätpläne einzuhalten.
- … Situationen meidet, in denen sein Körper den Blicken anderer ausgesetzt wird.
- … sich übermäßig mit der Unzulänglichkeit von Körperumfang oder Muskulatur beschäftigt.
- … Übertraining, Diäten oder die Einnahme leistungssteigernder Substanzen aufrechterhält, obwohl die schädlichen Folgen bekannt sind.
Wenn allerdings mindestens zwei der vier genannten Kriterien zutreffen, besteht höchste Muskelsuchtgefahr. Die hohe Bedeutung des Aussehens für die Selbstbewertung geht dann mit einem niedrigen Selbstwertgefühl einher. Wird zudem noch sozialer und/oder medialer Druck wahrgenommen, verstärkt sich die Körperunzufriedenheit. Und das ist häufig der Fall, denn Muskulöse gelten als männlicher, attraktiver und erhalten von Altersgenossen oft mehr Anerkennung und Respekt. So kann Körperunzufriedenheit letztlich zu Exzessen führen. Trainingspläne werden zur Qual, die Gedanken kreisen um Körpermaße oder Nahrung, diese andauernde Beschäftigung baut wiederum Stress und Druck auf, der als defizitär empfundene Körper weckt Schamgefühle. Es entwickelt sich eine psychische Belastung oder Störung, die Einschränkungen im sozialen und beruflichen Bereich nach sich ziehen kann.
Muskelsucht ähnelt Magersucht
Obwohl das Krankheitsbild viele Jahre bekannt ist, wird das Thema nicht so breit diskutiert wie die vergleichbare und tendenziell weibliche Magersucht. Exakte Zahlen fehlen. Eine Schätzung liegt bei mindestens 80.000 Betroffenen. Mager- und Muskelsucht weisen weitere Analogien auf. Die einen fühlen sich zu dick, die anderen zu schmächtig. Beide Seiten verwenden in der Folge eine Menge Energie darauf, ihre Figur zu verändern. Dabei kommt es zu Wahrnehmungsstörungen: Der Körper wird trotz Ideal- oder Untergewicht beziehungsweise formidabler Muskelmasse immer noch als unzureichend empfunden und die Maßnahmen werden weiter verstärkt.
Aber es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Männer weisen bei ihrer Sucht höhere psychische Begleiterkrankungen auf. Somit leiden sie häufiger an Substanzmissbrauch und -abhängigkeit (auch Alkohol), Spiel-, Arbeits- oder Computersucht. Zudem ist das starke Geschlecht nicht unerheblich durch die wandelnde gesellschaftliche Rollenverteilung verunsichert. Frauen dringen zunehmend in Männerdomänen ein, sodass Körper und Muskeln zunehmend zur Definitionsquelle von Männlichkeit werden. Da verwundert es wenig, dass Männer in traditionellen Frauenberufen ebenso wie solche mit sexuell bezogenen Ängsten zu den Risikogruppen der Muskelsucht gehören. Vertreter des männlichen Geschlechts erleben sich im Vergleich zu Frauen zudem als sportlich kompetenter sowie leistungsfähiger. Sie sind dadurch überzeugter, körperliche Zustände aktiv beeinflussen und kontrollieren zu können.
Folgen der Muskelsucht
Der Muskelsüchtige muss Sport treiben, seine auf das Aussehen bezogenen Aktivitäten haben einen zwanghaften Charakter. Die Folge sind exzessive sportliche Aktivitäten, Essstörungen und häufig auch die Einnahme leistungssteigernder Substanzen. Dass dabei gesundheitliche Schäden auftreten können, ist nur allzu verständlich.
Exzessives Sporttreiben
Hier besteht vor allem das Risiko, körperlicher Selbstzerstörung durch extremes Gewichtstraining. Gefahren des Übertrainings sind:
- Leistungsstagnation bis hin zum Leistungsabfall
- Erhöhter Ruhepuls und systolischer Blutdruck, verzögerter Rückgang der Herzfrequenz nach Belastung
- Bei Wechsel in die aufrechte Körperlage auftretende Regulationsstörungen des Blutdrucks, Schwindel, Übelkeit bis hin zum Kollaps
- Ungesunder Gewichtsverlust
- Erhöhte Infektanfälligkeit
- Schlafstörungen, Antriebslosigkeit
- Verletzungen, Schmerzen, Muskel- und Gelenküberbelastungen
Essstörungen
Daheim geht das Optimierungsprogramm oftmals weiter. In dem eingangs erwähnten Bericht Männer und die Muskelsucht heißt es, dass an manchen Tagen bis zu 5.000 Kilokalorien (kcal) zugeführt werden, um keine Muskelmasse zu verlieren. Das entspräche etwa der Menge von drei Nudelpackungen zu je 500 Gramm. Der Klassiker bei Kraftsportlern sei Hühnchen mit Reis – eine fettarme, proteinreiche Mahlzeit, die aber auf Dauer nicht den Ansprüchen einer ausgewogenen Ernährung genügt. Weil der Körper dann an Mangel leidet, würden Pillen mit Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen eingeworfen. Die zusätzliche Aufnahme von Präparaten über den durch die Nahrungsaufnahme allgemein abgedeckten Tagesbedarf kann aber zu Problemen führen. Unter Fitnesssportlern besonders beliebt sind das für den Muskelaufbau maßgebliche Protein und das als Energiespeicher genutzte Kreatin. Zu viel Protein kann zu übermäßigem Harnstoff (Abbauprodukt von Eiweiß) führen. Das wiederum belastet den Stoffwechsel und die Nieren. Im Falle der Hochdosierung kann auch Kreatin die Nierenfunktion beeinträchtigen. Des Weiteren wird von Wassereinlagerungen in den Muskelzellen berichtet, die ein steigendes Verletzungsrisiko bewirken. Auch Übelkeit, Erbrechen, Durchfall sowie Muskelkrämpfe sind mögliche Konsequenzen.
Einnahme von leistungssteigernden Substanzen
Auf der „Hitliste“ der unter Kraftsportlern gehandelten Leistungsverstärker stehen als Anabolika Steroid- und Wachstumshormone sowie Clenbuterol ganz weit oben. Beliebt ist auch Ephedrin, ein appetitverminderndes Mittel zur Stimulanz des Zentralnervensystems, das den Krafterhalt nach der Einnahme von Anabolika unterstützt. Diese Substanzen können folgende Nebenwirkungen haben.
Steroidhormone: Erhöhte Anfälligkeit für Verletzungen an Bändern und Sehnen, Stimmungsschwankungen, Aggressionen bis zur Gewalt, Beeinträchtigung des Urteils- und Wahrnehmungsvermögens, psychotische Wahnvorstellungen und hohes Suchtpotential.
Clenbuterol: Herz-Kreislauf-Komplikationen, Schlafstörungen und negative Auswirkungen auf den Knochenaufbau.
Wachstumshormon (hGH): Hohe Dosen führen zu Diabetes, Leber- und Knochenschäden
Ephedrin: Nervosität | Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Herzrasen | Schweißausbrüche, bei hoher Dosis Krampfanfälle | Psychische Veränderungen | Auch Todesfälle sind bekannt
An dieser Stelle darf der wichtige Hinweis nicht fehlen, dass Muskelsüchtige nur einen kleinen Teil der Missbrauchbetreibenden bilden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da in deutschen Fitnessstudios aus rechtlichen Gründen keine Dopingkontrollen durchgeführt werden. Einen Anhaltspunkt bietet die sogenannte Multicenter-Studie, die auf Befragungen erfahrener Studiobesucher basiert. Die Arzneimittelmissbrauchsquote beträgt demnach 22 Prozent bei Männern und acht Prozent bei Frauen, die Gesamtquote liegt bei 19 Prozent.
Gegenmaßnahmen
Betroffene erkennen die Problematik oftmals sehr spät oder gar nicht und sollten durch Angehörige, Freunde oder Partner darauf aufmerksam gemacht werden. Reflektieren kann helfen. Gut ist, sich zu vergegenwärtigen, dass viele andere die gleichen Bedenken bezüglich des Äußeren haben, damit aber einen gesünderen Umgang pflegen. Innerlicher Protest ist ebenfalls ein probates Mittel. Protest dagegen, dass Medien und Werbung oder leicht daherredende Alters- und Geschlechtsgenossen diktieren, wie man auszusehen hat. Auch Influencer wie etwa Trainer, die Körpergewicht und -zusammensetzung mit Erfolg oder Misserfolg in Beziehung setzen, sollten kritisch hinterfragt werden. Insgesamt muss der Muskelsüchtige realisieren, dass ein subjektiv negatives Körperbild zu nichts führt, und nach anderen Quellen gesunder Selbstachtung suchen. Gegebenenfalls ist auch Hilfe von außen angeraten. In manchen Städten finden sich entsprechende Einrichtungen der Caritas oder Beratungszentren für Essstörungen. An der Hotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erhalten Betroffene und andere Personen eine Erstberatung und Adressen, an die sie sich wenden können.
Quelle: shape UP
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